Glitter, Glamour und Gitarren

«Kick Ass Award», Ausgabe 2010, gültig für das Musikjahr 2009, die neunte in der Geschichte unseres geschätzten Gegen-den-Strom-Radios 3fach, sie ging gestern Mittwoch über die Schüür-Bühne. Da, dort drauf, war die Stimmung fröhlich bis ausgelassen, die Gäste nicht übel, die verkündeten Jury-Entscheide undiskutabel. Und überhaupt, es war gut so. Von Urs Hangartner, SEK Jugendkultur
Die Moderation kommt später dran. Nicht unbedingt der Reihe nach der unvollständige Event-Rapport: Bis am Schluss die Glitterfetzchen aus den Kisten über den Köpfen auf der Bühne losgelassen wurden, konnte in einer Publikumsanimation aus einschlägigem Material auf den Tischen bereits während des ganzen Abends individuell Glitterkram gerissen werden. Glitter hätten wir also schon. Glamour gabs durch teilweise festliche Abendgarderobe, aber natürlich auch durch viel People-Personality und die pure Dichte des Luzerner (sowie in einem Fall auch: Lausanner) Musikerwesens. Die Gitarren kamen später. Ganz ohne Gitarren, vor allem aber erfreulicherweise ohne Saxofon, kommt die neue Jingle-Band aus, die aber gar keine ist. Gut gemacht haben es bei ihrem Einstand die sechs Brutal Callboys, die, ausser durch Tusch-Drums, alles ganz ohne machen, nämlich rein stimmlich. Action auf der langen Bank. Originell die Idee, den Club-Award durch eine Art Ritterspiel mit Riesen-Wattestäbchen auszutragen. Das heisst: In einem gnadenlosen Ausmarchungsprozess kam es zur Konfrontation Gewerbehalle versus Bar 59 versus Treibhaus versus Südpol versus Schüür. Wobei letztlich durch Absprache nach einem zeitlupenmässigen Showkampf zwischen den Finalisten Schüür und Treibhaus Hausherr Gisi verkünden konnte, dass man grossherzig den Award an den Sedel vergebe. Worauf Mister Sedel 2009 aka Heinz Pal den Award leibhaftig entgegennehmen durfte. Die Awards im Fall: Von Nina Steinemann liebevoll kreierte Wackel- und Blink-Figuren, die erst noch tönen. Musik zum Ersten: Der gute Ruf der Veranstaltung ist ja längst bis ins ferne Zürich gelangt, was Evelinn Trouble (1 Frau, 1 Elektro-Gitarre) zur leicht enttäuschend anmutenden Aussage verleitete: «Jetz bin i jo gar nöd beleidigt worde!» Musik zum Zweiten: Nicht nur Musik, auch aparte Wasserballett-Visuals gabs bei der höher gelegten Performance von Dagi (Dashenka Prochazka): Gitarrengezupfe mit Gesang von der Frau im Kapuzen-Catsuit. Musik zum Dritten: In der Stadt haben wir sie leider verpasst. Umso schöner, dass als Überraschung das Grossunternehmen B-Saitigung unter der Leitung von Christov Rolla gänzlich unplugged den Bühnenraum einnahm für eine wunderbare Vortragsübung in Sachen Massen-Akustik-Klampferei. Die insgesamt, wenn wir richtig gezählt haben, mindestens 18 Wandergitarren, führten ein mindestens fünfstimmiges Werk vor. Bravo und gerne wieder einmal! Scherz aus Moderatoren-Mund: «Das grösste Casting für die neue Mothers-Pride-Formation.» Henrik Belden, der bald Album Nummer 2 vorstellen wird (in der Schüür notabene), war entschuldigt absent (natürlich nicht wahr) und erklärte in einer Videobotschaft aus dem Knast (nach globalen Minarett-Bau-Aktivitäten), dass er noch nicht nachkam mit dem gewonnenen letztjährigen «Kick Ass Award»-Clip. Immerhin gab es, unterlegt mit der kommenden Single, tönende Impressionen aus Marco Jencarellis Soundfarm-Studio in Kriens. In Kriens liegt übrigens auch das Kulturhaus Südpol, als Running Gag eine Art liebevoll attackiertes Lieblingsthema im Laufe des Abends. Award-Götti Ali Kebab (der von der APG-Plakatwerbung) konnte mit einem seiner vielen Flugzeuge nicht in Luzern landen, was die Idee aufkommen liess, doch den Südpol platt zu machen und Platz zu schaffen für eine Landebahn. Apropos Götti bzw. Plattmachen: Küde Bieder, seines Zeichens als Stadtrat Baudirektor von Luzern (Boa-Abbau und Allmend-Aufbau), gleichzeitig Vorgesetzter von Moderator D. D.s Vater, bestand den Assoziationstest natürlich nicht, als er originellerweise nach Bands befragt wurde mit den Namen Einstürzende Neubauten, Architecture in Helsinki und Phillip Boa. Lustig: die Titulierung des Magistraten als «Kurt ‹Search and Destroy› Bieder». Stadtindianer und Ur-Rock’n’Roller Angy Burri, letzter Götti in der Ledersofarunde, hatte keine gute Erinnerungen an Mit-Indianer Mike Shiva. Er braucht heute mit über 70 auch keine halbe Stunde Diskussion mehr, bis er zuschlägt. Es reichen ihm altersbedingt 10 Minuten. Der gemäss Publikums-Voting beste Song, wir wissen es längst, heisst heuer «Streetlights» und stammt von Dans la Tente. Erfreulich für die vier Tonträger-Debütanten aus (wie Award-Sieger 2001 Made in Mind) Willisau, die nicht mit einem Sieg gerechnet haben dürften, kamen sie doch ziemlich sturzbetrunken und eigentlich des Spielens nicht mehr mächtig zur Preisübergabe auf die Bühne, wo sie auf den bereitgestellten Instrumenten dann doch noch immerhin den Schluss des Sieger-Songs intonierten. Gratulation. Jetzt kommt noch die Moderation dran. Im Sinne von «an die Reihe». Ist es das Verdienst der Öffentlichkeit bzw. der letztjährigen Blog-Kommentare gerade hier auf Kulturteil.ch, oder ist es das Resultat des eigens eingerichteten Moderationsfortbildungsworkshops im siebentägigen Besinnungsweekend? Oder ist das aktuelle Verhalten von Dominic Deville dem Älterem und seinem Noch-Adlaten, immer wieder auf die hintere Positionsmarkierung verwiesenen David Roth auch einfach nur einer gewissen Altersreife geschuldet? Urteilen Sie selbst. Jedenfalls, es sei gesagt: Sie habens gut gemacht. Auch im Alter scheint man lernfähig, und angenehme Frechheit und Gewitztheit müssen auch bei gewisser Zurücknahme des narzisstischen Moments nicht aussen vor bleiben. Es geht doch. Und wir nehmen sie beim Wort: Das nächste Mal ganz ihn Weiss, ganz ohne Pink, gell. Radio 3fach «Kick Ass Award» 2009 – Palmarès Bester Song 2009 1) Dans la Tente – «Streetlights» 2) A River Crossing – «Drawing Wings with magic Ink» 3) Living Room – «It’s Ok» Bestes Album 2009 1) Seed of Pain – «Blindfolded and Doomed» 2) Marygold – «My Bow, My Arrow, My Target» 3) Mothers Pride – «Love comes knocking» Beste Stimme 2009 1) Miriam Schweizer von Living Room 2) Manuel Naranjo von Keebonk 3) Count Gabba AfakEnkNiL-Award 2009 1) k.TV 2) Bunker-Partys 3) Bitxidenda FoodFront Toro-Embolado-Award 2009 1) Radio Virus 2) Radio Neo 1 3) Spitalradio Luz