Einige stehen auf dem Sprungbrett

Galerie am Leewasser Brunnen, 29.11.2014: Die Ausstellung MAKE MAKE II zeigt Diplomarbeiten junger Kunsttalente, die im beschaulichen Brunnen ihre ersten Schritte ins Kunstbusiness wagen. Ein vielfältiger Einblick in das Aktuelle zwischen Kunst und Design. Von Michael Sutter
Make Make, das hört sich schon mal sehr gut an. Es klingt definitiv besser als Tun Tun oder Machen Machen. Übersetzt man den Anglizismus in die deutsche Sprache, ergeben sich zig Methoden, die allesamt von den jungen Kunstschaffenden ausgeschöpft werden: herstellen, machen, ergeben, schaffen, anmachen, erstellen, ausführen, bauen etc. Insgesamt neun Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Werke und Projekte auf den drei Stockwerken der Galerie am Leewasser in Brunnen. Ein roter Teppich wies den Weg zum Eingang, gekommen sind vor allem Mamas, Papas, Omas und Opas und Freunde aus den Kunsthochschulen. Es gab viel zu entdecken, denn die gestalterische, künstlerische wie materialistische Bandbreite war enorm. Im Folgenden ein kleiner Abriss, zu den einzelnen Positionen. MARCEL ISENSCHMID Eigentlich ein gelernter Automonteur und versierter Maschinenführer und Baufacharbeiter, hat diesen Sommer seine Ausbildung als Material Designer an der Hochschule Luzern abgeschlossen. Die im obersten Stock installierte Arbeit, zugleich seine Bachelor-Arbeit, hat einen äusserst poetischen Titel: Solvej, was auf Norwegisch so viel bedeutet wie Weg zur Sonne. Isenschmid selbst beschreibt seine Arbeit wie folgt: Wie die Sonne ein Element unseres Firmamentes ist, sind auch Wolken ein wichtiges Wahrzeichen unseres Himmels. Das Zusammenspiel von Sonnenlicht und Wolkengebilde fasziniert mich. Mit einer Vielzahl von Leuchtkörper bringt meine Arbeit diese leichte und weiche Stimmung in den Raum hinein. Schichten von Seidenpapier, durch Nähte geformt, bilden die Wolkenansicht vor der Lichtquelle. So entsteht eine diffuse und wolkige Optik, die in einer räumlichen Lichtinstallation verstärkt wird. Auch wenn meine erste Assoziation in die Richtung einer schwadronierenden Quallen-Kolonie tendierte, besticht die Installation durch eine sehr hohe Materialqualität und fügt sich feinsäuberlich lichtfüllend in den obersten Galerieraum hinein. STEPHAN WESPI Ist ein Objekt- und Produktdesigner, ebenfalls 2014 an der Hochschule Luzern seinen Bachelor Abschluss gemacht. Er hat, wie einst Mani Matter, eine Uhr erfunden. i han en uhr erfunde wo geng nach zwone stunde blybt stah Die Uhr von Stephan Wespi, kurz vor der Vernissage noch in Betrieb genommen, ist ein zurückhaltendes Designobjekt, das sich in jeder Schweizer Wohnung gegen die billigen IKEA Uhren durchsetzen sollte. Seine Uhr Bontempi, gefertigt aus Ahornholz, Plexiglas und Messing, besticht durch eine starke Affinität an skandinavische Gestaltungsgrundsätze und vermitteln eine unweigerliche Entschleunigung der Zeit. Die Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit Zeit und Design und das gestalterische Element aus der Geschichte der Zeitrechnung inspiriert. TIMUR GEYRAN Er fotografiert. Auch für 20min. Tillate.com. Seiner Emailadresse entsprechend wie 007. timurgeyran007@hotmail.com. Zufall oder nicht? Auf jeden Fall setzt er seine Kamera ein, als ob er das weltberühmte James-Bond Intro als Inspiration für seine Vorgehensweise ausgewählt hat: In your Face!. Mitten ins Gesicht. PENG. Roh, ungekünstelt, in der Manier schwerbarocker Malerei. Viel Schwarz, Licht nur in den Gesichtern. Es gibt harte Konturen, weiche Gesichtsflächen. Ihn interessieren den individuellen menschlichen Ausdruck, das Wesen, das Aussehen und die Charaktereigenschaften, die er mittels Fotografien abzubilden versucht. Fragen Sie ihn, was das für Leute sind. Woher sie kommen? Was sie machen? Was sie arbeiten? Wer sie sind? IMG_3735 ANNA CRISTINA SPIRIG Sie präsentiert uns eine drucktechnische Besonderheit: Eine Radierung, aber nicht auf Papier, sondern auf Gips. Ihre Arbeit Vergessen gedachte Türen ist das Resultat eines aufwendigen Material- und Druckexperiments. Inhaltlich bezieht sich Anna Cristina Spirig auf Räume, in denen sie selbst aufgewachsen ist und sie immer noch stetig aufsucht. Dem Betrachter und der Betrachterin möchte sie durch die Zufälligkeiten, die sich beim fragilen Drucken auf Gipsplatten ergeben, gewisse Assoziationsräume bereitstellen. Es sind Räume, die durch Linien angedeutet werden, begrenzt werden, überlagert werden und aus der rekonstruieren Erinnerung von Anna Cristina Spirig stammen. IMG_3736 MADLEINA ZWEIDLER Ein an sich zweidimensionales Medium, die Fotografie, wird in die Dreidimensionalität erweitert. Madleina Zweidler baut mit Modellbaukarton ein Objekt, worauf eine Fotografie aufgezogen wird. Dabei wird eine strikte Trennung zwischen Bildinhalt und Formgestaltung des Trägerobjekts (also das Modellbaukarton-Relief) angestrebt. In anderen Worten heisst das, die Topografie des Trägerobjekts hat eigentlich nichts mit dem Sujet zu tun. Was wiederrum spannende, gegensätzliche Verbindungen hervorruft. Beispielsweise stammen einige Fotografien aus der aktuellen Grossbaustelle rund um den Seetalplatz in Emmenbrücke. Abgerissene Gebäudeteile, die mit Abrissbirne und Baggerschaufel von ihrer Dreidimensionalität enthoben werden. Also quasi bodenebengemacht und ausradiert. Mittels der Wiedergabe der Fotografien auf den Reliefplatten, erhalten sie wieder eine gewisse Dreidimensionalität zurück. IMG_3734 IMG_3737 TYRONE RICHARDS Eigentlich ein ganz guter Namen, um berühmter Künstler zu werden. Er zeigt uns einen ganzen Zyklus an grossformatigen Zeichnungen. Tusche auf Chinapapier und Holz. Genau 85 x 85 Zentimeter. Er gibt an, ein zentrales Thema seiner Arbeit ist die Ambivalenz visueller Ästhetik und verstörendem Inhalt. Wenn man die Arbeiten genauer betrachtet, könnte man das etwa so interpretieren: Männer mit Schutzanzügen, Atemschutzmasken, stehen relativ untätig im Raum. An was denkt man zuerst? Fukushima vielleicht? Der Verdacht wird bestätigt, wenn man die Luftbildaufnahmen, die in zeichnerischer Sisyphusarbeit auf Papier transformiert wurden, genauer betrachtet. IMG_3739 ANDREA KUSTER In ihrer Diplomarbeit ist sie der Frage nachgegangen, wie man eine Sammlung – in ihrem Fall der Nachlass ihrer Grosstante aus dem Wägital, Kanton Schwyz, auf interessante Art und Weise gezeigt werden kann, ohne das ein Original gezeigt oder ein Archiv erstellt wird. Die Sammlung beinhaltet verschiedenste Alltagsgegenstände wie Postkarten, Broschüren und Kataloge, vor allem aus der Zeit zwischen 1900 und 1950. Dazu hat sie unter dem Label Usem Thal verschiedene Produkte zum Nachlass herausgegeben. Bei ihrer Mischung aus Dokumentation und Reproduktion geht es ihr darum, Originale zu nehmen und losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext, für sich selbst sprechen zu lassen. In der Ausstellung zeigt Andrea Kuster neben vier Produkten, die sie aus dem Nachlass neu erarbeitet hat, zusätzlich eine Projektion mit den jeweiligen Original-Objekten. Ihre vier Produkte sind: Eine rekonstruierte Tapete mit Bauernmalerei, ein Katalog, der wiederrum die Kataloge, Broschüren und Gebrauchsanleitungen vereint. Hinzu kommt ein Geschichtenheft, dass die Schwester der Grosstante (Kuster’s Oma) an die vergangenen Geschichten erinnern lässt, wie auch eine Assoziationszeitung, worin Freunde von Andrea Kuster individuelle Statments über die Objekte aus dem Nachlass abgeben. MARKUS ROSSE Wenn man den Werdegang von Markus Rossé, von Legobauer über Mathematiker zu Grafiker zu Physiklaborant erfährt, kann eigentlich nur ein Künstler daraus entstehen. So geschehen und Markus Rossé steckt an der Zürcher Hochschule der Künste im Studiengang Game Design. Nach seiner mehrjährigen Odyssee zwischen Technik und Gestaltung der ideale Ort, wo beiden Welten aufeinandertreffen. Ich, der gerade mal Pong und Tetris zu spielen vermag, lässt sich schnell begeistern von Interaktivität mit dem Bildschirm. Markus Rossé lädt in der Galerie am Leewasser auch zum spielen ein. Computer, Bildschirm und Joystick sind die Utensilien für Cosmic Vagabond. Ein interaktiver Zeichentrickfilm, in dem mittels Joystick in das Geschehen eingegriffen und damit der Verlauf der Geschichte verändert werden kann. Erzählt wird das Schicksal eines tragischen Kriegshelden, der in der fernen Zukunft von Pub zu Pub zieht und dabei vom vorherrschenden Regime verfolgt wird. Ein witzig-tragischer Kreis, aus dem es kein Entkommen gibt. GABRIEL FREI Ist Schwyzer, besitzt ein Wohnatelier in Gersau und bildet sich als Autodidakt innerhalb der Malerei weiter. Er besitzt ein Urvertrauen in die Kraft der Farben. Interessiert sich für alltägliche Szenen, in denen Tiere den urbanen Raum rückerobern. Die Ausstellung MAKE MAKE II in der Galerie am Leewasser ist noch bis 20. Dezember 2014 geöffnet. www.galerie-am-leewasser.ch/