«Burning Memories»: Die Sprache finden

In «Burning Memories» spricht Alice Schmid über Missbrauch, den sie selbst erleidete. Ein schonungslos ehrlicher Einblick in das Schicksal der Autorin und die Geschichte vom langen Weg zurück in die Selbstbestimmung. Der Film feiert an den digitalen Solothurner Filmtagen Premiere und gewinnt den Innerschweizer Filmpreis 2021.

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Bilder: Filmstills

Alice Schmids neuen Film in Worten zu beschreiben, fällt schwer, ist doch «Burning Memories» selbst eine Suche nach Sprache. Die Filmerin, gleichzeitig Protagonistin und Erzählerin der Dokumentation, will endlich aussprechen, was ihr vor fünfzig Jahren widerfahren ist. Bisher ist ihr das nicht gelungen.

Als Kind erfuhr Schmid Misshandlungen durch ihre Eltern. Es gab Schläge, meist von ihrer Mutter, die ihr dazu einbläute, sie habe ein «schwarzes Herz». Anstelle von Gutenachtküssen gab es Gebete gegen die innere Verdorbenheit. Das Kind versank in Selbstzweifeln, macht sich selbst verantwortlich für die Verfehlungen der Eltern.

Schmid wächst auf, träumt von einem Leben weg von Zuhause. Als sie 16 wird, befindet sie sich im Trainingslager des Schwimmclubs. Sie verbringt die Nacht im Zelt ihres Schwimmlehrers, der sie sexuell missbraucht. Zurück zu Hause hört Schmid auf zu sprechen, bleibt Schule und Training fern.

Unbequem offen

In «Burning Memories» reflektiert die Luzernerin ihr eigenes Œuvre: Frühe Filme wie «Sag Nein» (1993), aber auch spätere wie «Die Kinder vom Napf» (2011) oder «Das Mädchen vom Änziloch» (2016) behandelten die Themen Kindheit und Gewalt. Erstmals verknüpft Schmid ihr eigenes Schaffen mit ihrer Biografie – erbarmungslos transparent.

Der Film spielt zum grössten Teil in der Wüste Südafrikas. Mit wenigen Ausnahmen spricht Schmid, es ist ein Vorlesen geschriebener Texte aus dem Off. Die Filmerin spielt mit den Genres: Es ist eine Dokumentation, wenn wir sie bei ihrem Besuch beim Sangoma, dem Heiler, begleiten. Dagegen sind viele Bilder symbolhaft, inszeniert: Schmid läuft durch karge, trockene Landschaften, die Abbild sind ihres emotionalen Innenlebens, gleichzeitig die Inszenierung ihrer mühseligen Suche nach Besserung. Überall dabei ist ihr Koffer, den sie hinter sich herzieht, wie der Ballast, den sie seit Jahren mit sich herumträgt.

Alice Schmid – Burning Memories

Schmid sagt, sie habe die Ereignisse aus ihrer Jugend erfolgreich vergessen, die Verdrängung schützte ihren Geist vor dem Zerbrechen. Solange, bis das Trauma an die Oberfläche gespült wurde, Jahrzehnte später, ausgelöst durch die Betrachtung eines Gemäldes. Die Regisseurin beschreibt ihre Bindungsängste, welche die Erlebnisse bei ihr hinterlassen haben, als Langzeitfolgen des Missbrauchs. Sie beschreibt sogar einen Suizidversuch.

Die persönliche Erzählung steht für Erfahrungen, die unzählige Mädchen und Frauen teilen. Auch in der Schweiz, und – selbst wenn eingeblen- dete Schwarz-Weiss-Fotografien ein anderes Bild vermitteln könnten – auch heute noch. Das zeigten nicht zuletzt die Misshandlungsfälle bei den jungen Schweizer Turnerinnen in Magglingen, die im vergangenen Jahr endlich öffentlich wurden. Schmids Film bleibt aber nicht hoffnungslos, sondern macht deutlich: Betroffene brauchen Anlaufstellen, sie brauchen Vertrauenspersonen, sie brauchen Schutz. Ein Bewusstsein, das auch fünf Jahrzehnte nach den Erlebnissen der Filmerin erst aussprechbare Form annimmt.

Schmid selbst vollzieht im Verlauf des Films einen Wandel. Sie sagt: «Ich muss lernen, meine Gefühle zu leben, statt sie ins Tagebuch zu schreiben.» Sie erlaubt sich, zu vergeben. Sich selbst, ihrer Mutter, dem Schicksal, das nicht gut zu ihr war. Sie verbrennt ihre Erinnerungen, die sie nie los liessen. Nur dem Schwimmlehrer vergibt sie nicht. Schmid findet ihre Sprache auch so.

Burning Memories
SA 23. bis DI 26. Januar
Online verfügbar

56. Solothurner Filmtage
Ab MI 20. Januar
Finden online statt

Alice Schmid gehört zu den Innerschweizer Filmpreisträgerinnen 2021

Burning Memories, Regie: Alice Schmid, Romoos, Dokumentarfilm, 2020, CHF 50‘000.-

Der kleine Vogel und die Bienen, Regie: Lena von Döhren, Emmen, Animationsfilm, 2020, CHF 50‘000.-

Frieden, Produktion: Zodiac Pictures Ltd, Lukas Hobi, Reto Schaerli, Luzern, Spielfilm, 2020 (Regie: Michael Schaerer, Drehbuch: Petra Volpe), CHF 50‘000.-

Hexenkinder, Regie: Edwin Beeler, Emmen, Dokumentarfilm, 2020, CHF 50‘000.-

IHR, Co-Regie: Louis Möhrle, Luzern, Animationsfilm, Abschlussfilm, 2019 (Co-Regie Amélie Cochet), CHF 20‘000.-

Kühe auf dem Dach, Produktion: Revolumenfilm, Aldo Gugolz, Christina Caruso, Luzern, Dokumentarfilm, 2020 (Regie: Aldo Gugolz, Kamera: Susanne Schüle), CHF 50‘000.-

Mama Rosa, Regie: Dejan Barac, Ebikon, Dokumentarfilm, Abschlussfilm, 2019, CHF 20‘000.-

Megamall, Regie: Aline Schoch, Luzern, Animationsfilm, Abschlussfilm, 2020, CHF 20‘000.-

Nach dem Sturm, Regie: Beat Bieri, Jörg Huwyler, Luzern, Dokumentarfilm, 2019, CHF 50‘000.-

 • Rara Avis, Regie: Mirjam Landolt, Küssnacht am Rigi, Dokumentarfilm, 2020, CHF 50‘000.-

Unter einem Dach, Regie: Maria Müller, Adligenswil, Dokumentarfilm, 2019, CHF 50‘000.-

Von weiter Zeit, Regie: Edith Flückiger, Luzern, Experimentalfilm, 2019, CHF 50‘000.-

Spezialpreise

• Schauspiel: Elvira Plüss, Luzern, im Film Fensterlos (Regie: Samuel Flückiger, Zürich, Spielfilm, 2019), CHF 20‘000.-

• Musik: Jacqueline Wachter, Steinen SZ, im Film Die Rückkehr der Wölfe (Regie: Thomas Horat, Schwyz, Dokumentarfilm, 2019), CHF 20‘000.-

• Sounddesign: Oswald Schwander, Escholzmatt, im Film Wer sind Wir (Regie: Edgar Hagen, Basel, Dokumentarfilm, 2019), CHF 20‘000.-

 Gesamtpreissumme 2021: CHF 570‘000.-