Bilder zwischen Chic und Alltag

Museum im Bellpark Kriens, bis 5. März 2017: Die Ausstellung «Sabine Weiss» öffnet eine eigentliche Schatztruhe mit Arbeiten der 1924 in der Schweiz geborenen Fotografin. Sie wirkte international und ist hier in dieser exklusiven Werkschau unbedingt eine Entdeckung wert. Von Urs Hangartner (Bilder © Sabine Weiss)
Vom Walliser Ort Saint-Gingolph am Genfersee nach Genf in die Fotografie-Stifti, 1946 nach Paris, hier heimisch geworden und zur vielbeschäftigten Fotografin, von da in die weite Welt hinaus, international renommiert: Sabine Weiss ist eine unbekannte Bekannte, wenigstens hier, in der Schweiz. Man kann sie dank der Krienser Ausstellung (wieder-)entdecken, in die beeindruckende Fülle eines fotografischen Werks eintauchen. Gezeigt werden über 130 Fotos, dazu etliche historische Dokumente (wie ihr Lehrabschlusszeugnis von 1945, ihren Presseausweis, Einladungskarten, Alben, kontextualisierte Fotografien, wie sie bei im Original gezeigten Zeitungs- und Zeitschriften-Seiten zu sehen sind, u.a.). [caption id="attachment_21748" align="alignleft" width="300"]Françoise Sagan, 1954 Françoise Sagan, 1954[/caption] In Paris angekommen, wird die als Sabine Weber geborene Sabine Weiss Mitarbeiterin von Modefotograf Willy Maywald und 1952 Mitglied der Agentur Rapho (u.a.: Robert Doisneau – sogenannte «école humaniste», welche den Menschen ins Zentrum stellte). 1950 heiratet sie den US-amerikanischen Künstler Hugh Weiss. Die 1950er-Jahre sind eine Blütezeit für Kontakte mit Kreativen aller Art. Sabine Weiss scheint sie alle zu kennen, etliche von ihnen porträtiert sie, ein kleines Who-is-Who: Delphine Seyrig, Romy Schneider, Françoise Sagan, Karen Blixen, Niki de Saint-Phalle, Robert Rauschenberg, André Breton, Alberto Giacometti, Simone Signoret, Ella Fitzgerald, Charlie Parker, Brigitte Bardot, Jeanne Moreau, Léo Ferré, Simone de Beauvoir, Jean Marais. [caption id="attachment_21749" align="alignright" width="300"]Chez Dior, avenue Montaigne, 1958 Chez Dior, avenue Montaigne, 1958[/caption] Ob sie denn mit Benachteiligungen («handicapcs») als Frau konfrontiert werde in diesem Beruf, fragt ein Interviewer in einem der in Kriens zu sehenden Filmdokumentationen. «Ja», gibt sie zur Antwort, «weil eine Fotografin schweres Material zu transportieren hat...». Sie sagt auch: «Ich werde nicht gern schubladisiert.» Grundsätzlich bleibt die Fotografien offen, ihre Horizont ist breit. Das belegen die verschiedenen Ausstellungskapitel: «Von Genf nach Paris», «Pariser Strassenszenen», «Erfolge in Amerika», «Modefotografie», «Künstlerporträts», «Werbung und Zeitschriftenbeiträge» (Film im Projektionsraum), «The Family of Man» (legendäre Gruppenausstellung im New Yorker Moma 1955), «Kindheit als Thema», «Neue Horizonte». Als eine ihrer Konstanten bei all den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen könnte man, wie sie im Film erklärt, dies gelten: «Mir gefallen Atmosphären.» Mal abgesehen von der meisterlich beherrschten Technik mittels Rolleiflex und später Leica. Übrigens: «Ich habe nie ein Bild retouchiert.» (ein kleiner Gruss an die Photoshop-Generation). Der Strassenalltag liegt ihr ebenso wie der Glamour («Brigitte Bardot probiert ein Kleid von Vichy, 1959; «Yves Saint-Laurent. Erste Dior-Kollektion, fotografiert für die Zeitschrift «Life» 1958) – «J’ai travaillé beaucoup sur le chic». Als Künstlerin sieht sie sich nicht: «Es gibt Fotografen, die etwas kreieren und Künstler sind. Ich bin nur Zeugin dessen, was ich gesehen habe.» Bescheidene Worte fürwahr von einer Frau, die zwischen Alltagsimpressionen, Reportagen, Mode und Werbung, zwischen Auftrag und freiem Arbeiten in einem möglichst breiten fotografischen Range wirkte – von der Fahrenden-Hochzeit bis zu Kühlschränken, Rasierapparaten, Zigaretten, Schmuck oder Parfüms. [caption id="attachment_21750" align="alignleft" width="300"]La petite Egyptienne, 1983 La petite Egyptienne, 1983[/caption] Sabine Weiss fotografiert für namhafte Publikationen wie «Vogue», «Life» und «The New York Times Magazine». Ende der 1970er-Jahre geht es in die Welt hinaus, nach Indien, Ägypten, La Réunion, Bulgarien, Burma, Japan, in die Türkei, nach Ungarn. Hier entstehen freiere Arbeiten, darunter grosszügige Bildstrecken, die bisweilen ethnografisch «fremde» Welten festhalten. Lassen wir aus der unbedingt sehenswerten Krienser Schau ein paar Bilder für sich selber sprechen. Zeugnisse aus einem faszinierenden, reichen und vielfältigen fotografischen Werk. Voilà: [caption id="attachment_21751" align="aligncenter" width="300"]Porte de Vanves, Paris, 1951 Porte de Vanves, Paris, 1951[/caption] [caption id="attachment_21752" align="aligncenter" width="222"]Marchande de frites, Paris 1952 Marchande de frites, Paris 1952[/caption] [caption id="attachment_21753" align="aligncenter" width="230"]Mariage gitan, Paris 1953 Mariage gitan, Paris 1953[/caption] [caption id="attachment_21754" align="aligncenter" width="196"]New York 1962 New York 1962[/caption] [caption id="attachment_21755" align="aligncenter" width="240"]Paris 1955 Paris 1955[/caption]   Sabine Weiss. Museum im Bellpark Kriens. Bis 5. März 2017 Mo–Sa 14–17, So 11–17 Uhr www.bellpark.ch