Aufbrechen und triefen

UG Luzern, 08.04.2016: «Essen Zahlen Sterben». Die Uraufführung eines fulminanten Theater-Triptychons. Von den Hausautor*innen des Luzerner Theaters. Ich würde wieder gehen!

(Fotos: Ingo Höhn)

Zuerst: Ida & Brüder/Väter/Wölfe

Alles ganz normal: Es beginnt mit einer Exposition, einer Familienkonstellation. Alles, was es dazu braucht: Michael Fehrs Stimme, die das Erzählte hütend betatscht, wie die blinden Brüder ihre Ida. Sonst nichts, ausser die schummrige Lichtblase weiter hinten. Und viel dunkle Ruhe zwischen den Lauten.

Dann: Sag es

Jetzt hell. Links vorne, rechts vorne: Schweigende, Abwesende. Vorne Mitte, dem Publikum ins Gesicht gesprungen: Ein Trio speit Fragen über Fragen. Die Panama Papers fänden da auch ganz gut ihren Platz: Wie viele Firmen passen in einen Raum, sagen wir, so zwei mal drei mal drei Meter? Der Autor ist Philosoph, das merkt man. Gedankenexperimente und die Fragen befragen, das könnte ewig weitergehen. Aber es endet, um die Stummen zum Reden zu bringen. «Sag es!» Dann korrigieren und: «Nochmals von vorne sagen!» Bis sich die Rede verselbständigt und aus den Anstifterinnen Zuhörer werden, die, als wollten sie das Publikum veräppeln, ostentativ eine Pose des interessierten Mitverfolgens nach der anderen vorspiegeln. Doch es verwirrt sich immer mehr: Wer steuert hier wen in diesem fünfköpfigen Ensemble? Legt das Wort wem in den Mund und fällt in wessen hinein? Wo endet das Dirigieren und beginnt der Dialog? Es erhält eine Eigendynamik, über die man leicht die Geschichte vergisst, die da eigentlich erzählt wird. Und dann kommen sie wieder mit ihren Fragen: Alles Gold auf der Welt hat in einem Kubus 20mal20mal20 Platz, was wären die Masse des dafür vergossenen Blutes? Es ist schon vor allem Sprache, die hier arbeitet, und man verschlingt sie gerne, diese köstlichen, dicht gereihten Sinn- und Lautfetzen und -happen. Bis zum Brechreiz.

Dann wieder: Ida

Ida ist älter geworden, gross geworden. Jetzt will sie mündig (!) aufbegehren gegen die wortkargen Despoten! Unglaublich, wie ihre naive Sprache zugleich so rau und bitterernst sein kann. Sie will es ja bloss wissen, ist denn das zuviel verlangt verdammt?! Und immer wieder diese weisse «Kräääme» auf dem grauen Brot, unter dem grauen Fleisch. Flucht. Verfolgung. Freiheit. Fehrtig.

EZS GP -HP2 15

Und schliesslich: Rot.Rot.Rot.Rot.

Adjektiv: skurril. Kriegt man: Wie man «Ja» auf hundert verschiedene Arten meinen und sagen kann. Wie man «Rot» in einem mehrstimmigen Chor recycelt. (So rot wie das Licht in dem und die Bühne auf der der Chor steht.) Du meinst, du willst das gar nicht wissen, du kennst es vielleicht schon? Egal, denn du willst es hören, denn es ist geil. Manche Leute können sich nicht mehr halten vor Lachen. Ja, so kann man auch reagieren auf Verstörung. Szene um Szene wird an der Silhouette unserer Normalität gezeichnet mit dem, was sie nicht ist. Jetzt geht es bunt zu und her auf der Bühne, jetzt läuft was, sie rennen, fallen, schlagen sich, verzerren und verzehren sich. Hier wird hart gearbeitet. Und während das Trio zu Beginn des Abends fragt, was der Krebs im Darm soll oder wie lang er ist, entledigen sie sich nun dieser Frage: einfach raus damit! Am Schluss ist alles verwischt und verschmiert. Im ersten Teil gings doch noch um etwas? Aber das kann man jetzt grad nicht hervorholen. Zu vermantscht ist die Birne. Und die Fragen, die aufgestäubt wurden, hat das Finale mit seiner kaleidoskopischen Gewalt in alle Ritzen des UGs gepustet. Und in diesem Graben zwischen dem Chaos des dritten und der Ordnung, die das erste Stück verspricht – man muss es nur ein zweites Mal noch schauen gehen –, wandelt sanft der Fehrwolf, an den man sich gerne hält, weil seine dunkle Stimme in der Ruhe, in die sie gebettet ist, doch auch die klarste ist. P.S. Das Büchlein «ALL YOU CAN EAT. Variationen des Verschlingens» von Ariane Koch gibt's gratis zum Mitnehmen. Falls man dann noch Hunger hat.

Besetzung: Judith Cuénod, Michael Fehr, Wiebke Kayser, Lilli Lorenz, Ingo Ospelt, David Michael Werner. Produktion: Franz-Xaver Mayr (Inszenierung), Johanna Zielinski (Inszenierung), Dominik Busch (Text), Michael Fehr (Text), Ariane Koch (Text), Anna Wohlgemuth (Bühne und Kostüme), Susanne Ruhstorfer (Kostüme), Erik Altorfer (Dramaturgie). Noch bis am 28. Mai im Luzerner Theater.